Mastering Tutorial

Dramaturgie

Mastering ist der Zeitpunkt, an dem aus einzelnen, oftmals zusammenhanglosen Liedern ein Gesamtwerk entsteht. Obwohl sich in vielen Fällen der Kunde oder die Plattenfirma um die Reihenfolge Gedanken macht, kann diese Arbeit auch vom Mastering Engineer erledigt werden, beziehungsweise er kann durch seine einschlägige Erfahrung beratend tätig sein.

Die scheinbar leichte Aufgabe birgt allerdings so einige Tücken. Allein die mathematische Berechnung der Möglichkeiten durch Permutation zeigt unglaubliche Werte. 10 Lieder auf einem Album können in über 3 Millionen (3.628.800) verschiedenen Reihenfolgen angeordnet werden. Doch welche davon ist die Beste? Alle einzeln durchprobieren, würde den üblichen Zeitrahmen durchaus ein wenig sprengen …

Der endgültige Ablauf ist daher eine Mischung aus purem Zufall, Bauchgefühl, Erfahrungswerten und (pseudo-)wissenschaftlichen Ansätzen. Da sich nur die letzten beiden Dinge vermitteln lassen, beschränken wir uns darauf.

Unterschiede zwischen Sampler und Alben

Sampler

Sampler widmen sich vorzugsweise einem bestimmten Thema. Dies ist zum Beispiel die Kuschelrock Serie mit den schönsten romantischen Balladen, ein Chart Sampler mit den Top 40 des Quartals, eine Kompilation der tollsten 80er Jahre Songs oder was auch immer gerade vermarktet werden soll.

So verschieden die Themen, so verschieden sind auch die Ansätze den Ablauf festzulegen. Manchmal ist eine chronologische Reihenfolge sinnvoll, manchmal gruppiert man wie ein DJ einzelne Genres zu kurzen Sets. Die Möglichkeit eine großartige Dramaturgie das Gesamtwerk zu stülpen ergibt sich dabei selten.

Eine der nettesten Ideen der letzten Jahre, die allerdings bei häufigen Hören auch nervig sein kann, war für mich der Soundtrack zu „Shrek Forever After„, in dem einzelne Lieder durch kurze „Radiomoderationen“ verbunden sind und so eine Rahmenhandlung ergeben.

Alben

Grundsätzlich unterscheiden wir Alben zwischen Konzeptalben und „normalen“ Alben. Während letzteres eine lose Sammlung der letzten Werke darstellt, ist ein Konzeptalbum vom Künstler von vorne bis hinten durchgeplant. Am besten lässt es sich mit einer Oper oder Theaterstück vergleichen, die mit vielen einzelnen Akten eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Hier die Reihenfolge zu ändern wäre natürlich Frevel und würde gegen das Kunstwerk arbeiten.

Bei allen anderen Alben wird es kniffliger: Die wenigstens Bands schließen sich noch für Wochen oder Monate in den Proberaum ein, um „mal eben“ ein Album zu komponieren. Viele Lieder entstehen in zufälligen Zeitabständen. Haben sich genug angesammelt, heißt es ab ins Tonstudio und Aufnahme. Doch in welcher Reihenfolge soll das Ganze veröffentlicht werden? Chronologisch? Nach Themen sortiert? Nach Taktart? Nach Qualität? Die tollsten Lieder zuerst? Wohl eher nicht.

Auch ein Blick auf kommerzielle Alben offenbart: es gibt kein allgemeines, immer wiederkehrendes Grundrezept. Und dennoch wurde die Reihenfolge nicht ganz dem Zufall überlassen…

DIY

Höre dich durch mehrere Alben und versuche eine Schema oder wiederkehrendes Muster zu erkennen.

1. Eigenschaften zuweisen

Liegt es an uns die Reihenfolge eines Albums zu bestimmen, sollten wir zuerst alle Lieder analysieren. Hör dich durch alle Tracks und weise ihnen die folgenden Eigenschaften zu:

Tonart

Bekanntlich gibt es Tonarten die passen gut zueinander, andere beißen sich gar fürchterlich.

Tempo

Eine gute Dramaturgie spielt mit den Gefühlen des Zuschauers, mal gehts hoch, mal geht’s runter.

Feeling

Was bewirkt der Song in dir? Welche Aussagen und Gefühle transportiert er?

Mastering Album Zusammenstellen Lieder Tonart

2. Setlist erstellen

Nun ist es an der Zeit die Reihenfolge zu basteln. Das Vorgehen unterscheidet sich dabei kaum von einer Setlist für ein Livekonzert.

Erster Song

Wie überall im Leben zählt auch bei Musik der erste Eindruck. Schaffen wir es nicht den Hörer innerhalb weniger Takte von der Band zu überzeugen, wird er nur widerwillig weiter hören oder gar das Album kaufen. Um dies zu vermeiden, muss der erste Song wachrütteln, begeistern, eine Art Appetizer sein, der Lust auf mehr entfacht und zeigt, was in den nächsten 60 Minuten folgt.

Manche Alben beginnen daher direkt mit dem besten Song, oft der aktuellen Singleauskopplung. Doch dies birgt Gefahr, das ganze Pulver schon am Anfang zu verschießen und später kein Highlight für den eigentlichen dramaturgischen Höhepunkt parat zu haben. Eine Hit Single als ersten Song ist nur sinnig, wenn es noch weitere Top-Hits auf dem Album gibt. Ist dem nicht der Fall, tut es natürlich auch ein Lied, das es fast dazu geschafft hätte.

Mittelteil

Ist der Hörer erst einmal gepackt, lassen wir ihn nicht mehr los. Mit ein bis zwei schnelleren Liedern zum „abrocken“ bleibt der Stimmungspegel konstant oben, bevor etwas langsamere Stücke erklingen. Balladen und Downbeat-Lieder sorgen für Abwechslung, sowie den gewünschten Spannungsbogen.

Generell ist Abwechslung das große Thema im Mittelteil: Langsame, mittlere, schnelle und noch schnellere Songs geben sich die Klinke in die Hand, so dass ein Hoch und Tief der Gefühle entsteht. Für perfekte Übergänge wechseln die Lieder dabei in der passenden Tonart und stehen nicht disharmonisch gegeneinander.

Schluss

Neben dem Anfang prägt sich vor allem auch der Schluss beim Hörer ein und wird zum letzten Gedanken, wenn der CD- oder Schallplattenspieler auf Stop geht. Damit ist klar, wir brauchen einen letzten „Burner“, einen Ohrwurm zum Mitsummen. Gleichzeitig ist ein Schluss aber eben auch ein Schluss und markiert das Ende des Albums. Die Kunst besteht darin, einen Song zu finden mit dem der Hörer zufrieden ins Bett gehen kann.

Ausreiser – Bonustracks?

Manchmal will sich ein Song einfach nicht in das Gesamtkonzept fügen will. Vielleicht ist er stilistisch unpassend oder klingt schlicht zu unterschiedlich. Die einfachste und auch logischste Konsequenz ist ihn wegzulassen. Dies widerstrebt allerdings vielen Künstlern, die sich diesen Song unbedingt auf ihrem Album wünschen und sei es nur als Bonustrack oder Gimmick…