Hyperkompression

Kompression und Limiting sind fantastische Hilfsmittel. In Maßen eingesetzt formen sie den Klang zu einer ausgewogenen, gut durchhörbaren und zeitgleich druckvollen Mischung. Mit zunehmender Intensität werden diese Vorteile jedoch von negativen Begleiterscheinungen überlagert, die streng genommen gegen jedes künstlerische und technische Streben nach einem hochwertigen Ergebnis stehen.

Dieser auch als Hyperkompression bezeichnete Zustand, in dem nahezu jeder Tropfen Dynamik aus dem Signal gepresst ist, kennzeichnet sich durch gravierende Veränderungen in der Mikro- und Makrodynamik, störende Artefakte und eine psychologisch veränderte Wahrnehmung.

Mikrodynamik

Beschränken wir den Zeitraum unserer Betrachtung auf wenige Sekundenbruchteile, landen wir im Bereich der Mikrodynamik. Hier egalisiert die Hyperkompression alle Lautheitsunterschiede zwischen den Instrumenten, die Klangphasen werden zerstört und unwichtige Signalanteile deutlich nach oben gezogen. Ehemals leise Streicherklänge und Hallräume konkurrieren nun mit eGitarren, perkussive Instrumente verlieren ihre Transienten und damit Druck und Durchsetzungskraft.

Mastering Hyperkompression
Blau – vor dem Limiter, Rot – nach dem Limiter

Makroebene

Über die Laufzeit eines kompletten Songs, formt sich aus dem einst dynamischen Aufbau eine kontinuierliche Klangwurst, in der das Intro gleich laut wie Chorus oder Vers ertönt. Jegliche Arten von Crescendos und De-Crescendos verschwinden und dramaturgisch wichtige Stellen werden platt gebügelt.

Mastering Klangwurst
Der Fade-In verschwindet, der Song verkommt zur Klangwurst

Artefakte

Weiterhin plagen uns Kompressionsartefakte wie Verzerrungen, die selbst von den besten psychoakustischen Limiter erzeugt werden. Die Auswirkung lässt sich anschaulich an einem Sinus demonstrieren, der langsam aber sicher zu einem Rechteck zerstaucht wird.

Auf den ersten Blick sind die leichten Verzerrungen der Sinuskurve kaum sichtbar – der Analyzer zeigt hingegen deutliche Obertöne
Auf den ersten Blick sind die leichten Verzerrungen der Sinuskurve kaum sichtbar – der Analyzer zeigt hingegen neue Obertöne

Psychologie

Neben all den deutlich sicht- und messbaren Veränderung findet die wichtigste Auswirkung im Kopf des Konsumenten statt. Fehlen Berge und Täler im Signal und schnurrt der Sägezahn munter vor sich her, melden die „Freudenrezeptoren“ nach kurzer Zeit „Laaaaangweiiiilig!“. Im Hintergrund werden ähnliche Mechanismen aktiv, die sonst konstante Störgeräusche wie Straßenlärm und Rauschen ausblenden.

„Außerdem sind Musikaufnahmen grundsätzlich kompakter, der Dynamikumfang ist deutlich geringer geworden. Dabei hat sich der Lautstärkepegel merklich nach oben verschoben“, sagt Rolf Schmitz, bei Dolby unter anderem zuständig für das Mobilgeschäft. Nuancen werden überdeckt, das Klangbild ausgedünnt. Das bringt das Gehirn dazu, aktiv zu werden, was zur Ermüdung führt.

Rolf Schmitz – Dolby