Konferenz- und Dolmetschertechnik

Ein kleiner, aber durchaus interessanter und lukrativer Teil der Ton- und Veranstaltungstechnik befasst sich mit Konferenz- und Dolmetschertechnik. Ein gutes Beispiel für deren Einsatz sind Umgebungen wie das Europaparlament, in dem hunderte Abgeordneten direkt von ihren Plätzen in das Plenum sprechen und gleichzeitig alles von Dolmetschern in die jeweiligen Amtssprachen übersetzt wird. Solch ein Setup über herkömmliche Mischpulte und Tonsysteme zu realisieren ist im größeren Maßstab nahezu unmöglich und würde auch den Techniker überfordern. Daher gebe ich dir heute einen kleinen Einblick in die Welt der modernen Konferenzsysteme.

Die Anlage

Eine komplette Konferenzanlage besteht aus vielen einzelnen Komponenten und kann je nach Bedarf individuell ausgebaut werden. Im maximalen Zustand verfügt ein solches System über mehrere hundert Sprechstellen, Audio Recorder, Wandlern, Funk- oder Infrarotsendern, Steuerrechnern, Videozuspielungen oder Wireless Accesspoints und kann nicht nur zur Übersetzung, sondern auch als Konferenzsystem, Sicherheitszentrale oder für elektronische Abstimmungen verwendet werden. Ein paar der möglichen Anwendungen und Schaltbeispiele findest du in dieser Broschüre, ich beschränke mich lediglich auf die grundsätzlichen Bauteile der Dolmetschertechnik.

 Ein simples Setup für eine Sprache
Ein simples Setup für eine Sprache

CCU

Herzstück eines Konferenzsystems ist die Zentrale Steuereinheit, zum Beispiel eine Bosch DCA-CCU. In jedem dieser unscheinbaren Geräte, steckt die Möglichkeit 32 Sprachkanäle, 245 Sprechstellen und jede Menge optionales Zubehör wie weitere Wandler zur Ausspielung der Kanäle zu verwalten. Alle externen Komponenten werden entweder über Funk oder noch einfacher über das digitale DCN Bussystem (ähnlich einem MIDI-Kabel) angeschlossen. Insgesamt lassen sich bis zu 30 CCUs kaskadieren und 4.000 “Teilnehmereinheiten” installieren, wobei wir bei dieser Ausbaustufe im Bereich von zwei Millionen Euro Warenwert liegen 1

Sprechstelle

Teilnehmereinheiten oder besser gesagt Sprechstellen gibt es in vielen unterschiedlichen Variationen. Die einfachsten sind schaltbare Tischmikrofone, die High End Varianten besitzen Lautsprecher, Anschlussmöglichkeiten für ein Headset, der Dolmetscher kann sich zwischen der Originalsprache “Floor” oder der Übersetzung “Relay” eines Kollegen als Soundquelle entscheiden, Privatgespräche zum Techniker oder einer anderen Kabine führen, an Abstimmungen teilnehmen oder dem Redner über eine Lampe mitteilen, dass er langsamer sprechen möge – ein meist vergeblicher Versuch. Üblicherweise wird jede Kabine mit zwei Sprechstellen ausgestattet, falls sich entweder zwei Kollegen der selben Sprache abwechseln, oder ein Gerät aus unerklärlichen Gründen ausfällt.

 Eine der besseren Sprechstellen mit allem möglichen Schnickschnack
Eine der besseren Sprechstellen mit allem möglichen Schnickschnack

Sprachkabine

Übersetzen erfordert Ruhe und Konzentration und findet dennoch oft an lauten und chaotischen Orten statt. Damit der Dolmetscher vom Lärm der Aussenwelt isoliert ist und ebenfalls nicht die anderen Anwesenden mit seinem Gebrabbel stört, steckt man ihn samt Technik in eine Sprachkabine. In der großen Ausführung finden darin zwei Personen gemütlich Platz, es gibt vier Fenster, einen Tisch und stets gelangt frische Luft über die gedämpfte Lüftung im Dach hinein. Ist die direkte Sicht auf den Ort des Geschehens unmöglich, positioniert man zusätzliche Monitore mit der Vorschau der aktuellen Power Point Folien und der Überwachungskamera mit Blick auf den Redner.

Alle Kabinen werden in modularer Bauweise errichtet und werden nach der Veranstaltung in einzelne ca. 200×80 cm große Platten zerlegt. Lagerung und Transport erfolgt in passenden Cases, die vollgepackt spielend 400 Kg auf die Wage bringen. Ein eingespieltes Team benötigt pro Kabine weniger als 10 Minuten, dem entgegen Anfänger bei der ersten Installation gern verzweifeln.

 Blick in eine Sprachkabine
Blick in eine Sprachkabine

D/A Wandler und Funk

Werden mehr als zwei Aus- oder Eingangskanäle benötigt, kann die CCU mit Audio Expandern aufgerüstet werden. Der PSR-4DEX4 wird dabei mit einem kombiniertem Strom-Daten-Leiter verbunden und holt sich alle benötigten Informationen selbstständig von der Steuereinheit. Anschließend geht jeder Sprachkanal über analoge Audiowege in handelsübliche Funksender, wie den Sennheiser SR 300 IWM Stereo Transmitter, die wiederum in einen Antenna Combiner münden, der das Funksignal über Plattenantennen im Raum verteilt. Für vier Kanäle liegt dieser Posten bei etwa 7.000 Euro.

 Von oben nach unten: Antenna Combiner, 2x2 Funksender, CCU und Audio Extender
Von oben nach unten: Antenna Combiner, 2×2 Funksender, CCU und Audio Extender

Empfänger

Der Weg zurück ins Ohr der Zuhörer erfolgt über Taschengeräte wie den Sennheiser EK1039, der mit zwei Mignon AA Zellen bis zu acht Stunden Energie liefert. Der Ausgang als Miniklinke lässt je nach Bedarf einohrige, offene oder geschlossene Kopfhörer zu. Es gibt jedoch auch kombinierte Geräte, die Hörer und Empfänger in einem bilden, digital verschlüsselte Varianten und Empfänger, die anstelle von Funk auf Infrarotsignale setzen. Sollen hundert Leute einen Knopf im Ohr tragen, haben die Geräte einen Wert zwischen 30-40.000 Euro.

 Analoge Taschenempfänger von Sennheiser
Analoge Taschenempfänger von Sennheiser

Einrichten

Ist man mit den wichtigsten Funktionen des jeweiligen Systems vertraut, erledigt sich das Setup kleinerer Systeme in kurzer Zeit. Zuerst werden alle Kabinen aufgebaut und mit den Sprechstellen sowie Strom für Licht und Laptop bestückt. Anschließend verbindet man die einzelnen Komponenten per Daisy Chain, ausgehend von der Zentralen Einheit und startet einen manuellen Reset, beziehungsweise ein “De-Initializing”, der alle Stationen zwingt sich neu Anzumelden. Haben wir nun keinen Netzwerkcontroller, laufen wir durch die einzelnen Kabinen und versetzen jede Sprechstelle in den “geheimen” Setup Modus. Hier können wir die Anzahl der benötigten Sprachen, die Kabinen- und Sprechstellennummer sowie andere essenzielle Entscheidungen treffen. Ein obligatorischer Test, in dem wir das gesendete Signal einer jeden Kabine über einen Funkempfänger zurückholen verifiziert, dass unser System einwandfrei läuft. Als letzten Schritt schicken wir aus dem Pult eine Summe auf die Anlage, die den Dolmetschern als “Floor” dient. Hier ist ein gleichmäßiger und nicht zu lauter Pegel wichtig, egal ob es sich um einen Filmton, Handmikrofon oder Lavalier handelt. Am besten großzügig mit Kompressoren und Limitern arbeiten sowie selbst in die ausgehende Summe hinein hören.

Der Dolmetscher

Ist alles vollbracht, kann endlich der Dolmetscher sein angestammtes Domizil übernehmen. Besonders glücklich ist er über bereits vorhandenes stilles Wasser, einen Stromanschluss für den Rechner sowie einen W-Lan Internetzugang. Eine kurze Nachfrage klärt sein aktuelles Befinden und ob er mit den Geräten soweit vertraut ist. Eventuell bietet sich an dieser Stelle nochmals ein kurzer Linecheck an. Geht die Veranstaltung länger, treten Dolmetscher meist im Doppelpack auf. Obwohl sein Job recht gemütlich aussieht, ist eine konsekutive Übersetzung geistige Höchstarbeit, die niemand länger als eine halbe Stunde am Stück durchlaufen möchte.

  1. 3.800 Euro pro CCU + 450 Euro pro einfacher Sprechstelle. Quelle