Acht Gründe etwas anderes zu lernen


Was macht man in den Arbeitspausen mit Kollegen? Man sinniert über das Leben, den Job und die ganze Event- und Medienbranche. Ach ja uns gehts so schlecht, hätten wir nur was anderes gelernt und seit Jahren wird es immer schlimmer … aber irgendwie freut man sich dann doch auf den nächsten Tag und dass man genau diesen Beruf ergriffen hat.

Damit du uns nicht vorwerfen kannst wir hätten dich nie gewarnt, hier ein paar Gründe warum Tontechnik alles, nur nicht der ideale Job für dich ist.

Fakt 1 – Du bist überqualifiziert

In den meisten Bereichen der Branche braucht man keine kreativen Menschen mit absolutem Gehör, die Partituren querlesen oder fähig sind, selbst einen A/D Wandler zusammenzulöten. Viel mehr sind Muskelkraft, Durchhaltewille (lange, unschöne Arbeitszeiten) und effektive Bedienung der technischen Geräte gefordert. Ob Diplomingenieur von der Uni oder Autodidakt, fürs Boxen aufbauen und Mischen bekommt jeder den gleichen Lohn.

Fakt 2 – Keiner sucht dich

Eigentlich heißt es ja immer “wer sucht, der findet”, aber wenn uns tatsächlich niemand benötigt? Ein Blick in die Tageszeitung offenbart: Deutschland braucht Fernfahrer, Ärzte, Facharbeiter und IT-Techniker, aber nicht noch mehr Webdesigner, Medienkaufleute oder gar Tontechniker. Die wenigen Stellenanzeigen in diesem Bereich sind meistens für unbezahlte Praktika oder den DJ und Animateur im Ferienclub …

Fakt 3 – Vitamin B ist Pflicht

Viele Jobs werden, selbst wenn offiziell ausgeschrieben, direkt oder unter der Hand vergeben, weil der Chef jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, dessen Spezi´s Kumpel unglaublich gut dafür geeignet ist. Entweder man hat also Glück und ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, oder man dient in jahrelangen Praktika in der Hoffnung, irgendwann auch ein Auserwählter zu werden.

Fakt 4 – Tontechnik ist nicht wie Döner

Dönerbuden gibt es an jeder Ecke, die meisten Menschen gehen zum Friseur und ist der Abfluss verstopft rufen wir den Klempner. Dass hingegen Morgens jemand aufwacht und spontan beschließt ein paar Stunden im Tonstudio zu verbringen oder seine nächste Gartenparty professionell beschallen zu lassen ist hingegen äußerst ungewöhnlich.

Im Ton- und Veranstaltungsbereich gibt es deutlich mehr Absolventen und Jobsuchende als Aufträge und Arbeitsangebote
Im Ton- und Veranstaltungsbereich gibt es deutlich mehr Absolventen und Jobsuchende als Aufträge und Arbeitsangebote

Fakt 5 – Der Markt ist gesättigt

Tontechnik ist ein sehr spezieller und kleiner Markt, in dem mittlerweile alle erdenklichen Nischen belegt sind. Die Idee vom “eigenen Tonstudio oder Verleih” ist daher wenig empfehlenswert, denn um an Kunden zu gelangen, müssen wir sie erst der alteingesessenen Konkurrenz entreissen und das wird schwierig.

Fakt 6 – Der Nächste bitte

Nehmen wir an, ein Arbeitsleben dauert 40 Jahre, dann geht es in den Ruhestand und die Stelle wird für den Nachwuchs frei. Dies macht umgerechnet 1/40 benötigter Tontechniker pro Jahr. Gehen wir von blind geschätzten 1.200 professionellen Tonstudios und anderen Tonbetrieben in Deutschland aus, kommen wir somit jährlich auf gerade einmal 30 frei werdende Arbeitsplätze, ausser der Techniker verschwindet oder stirbt durch unerklärbare Umstände …

Fakt 7 – Überbevölkerung

Um diese 30 Arbeitsplätze prügeln sich dann die Absolventen der SET, SfT, SAE, Deutsche POP, Audiocation, SRT, Eventakademie, MSG, Hochschule Detmold, … und und und. Wenn jede dieser Bildungseinrichtungen pro Semster 20 Absolventen auf den Markt wirft, kommen wir schnell auf mehrere hundert Tontechniker pro Jahr. Nur wer braucht die alle? In der Eventbranche bestehen sogar jedes Jahr über 6.000 junge Menschen ihren Abschluss zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik, weit mehr als es Veranstaltungen gibt.

Hochrechnung

Fakt 8 – Bin ich günstig rangekommen

Eine Konsequenz aus Fakt 7 sind ist ein seit Jahren stagnierendes Lohnniveau mit der Tendenz zum Preisverfall. Warum dem 50 jährigen Familienvater mit langer Berufserfahrung beschäftigen, wenn es der Nachwuchstechniker oder Garagenverleiher für die Hälfte vom Preis macht? Auftraggeber schauen zunehmend auf das günstigste Angebot und weniger auf die Qualität und nirgends lässt sich so gut sparen wie mit den Löhnen der Dienstleister.

Fazit

Alles in allem kann ich derzeit niemanden eine Karriere im Ton- oder Veranstaltungsbusiness empfehlen. Die Gehälter sind trotz Inflation seit Jahren auf dem selben, niedrigen Niveau, die Arbeit ist unangenehm lang und körperliche anstrengend, gute Jobs sind selten und selbst wenn man sie endlich hat, kann man übermorgen durch eine jüngere und deutlich günstigere Arbeitskraft ersetzt werden.

Der Traum vom tollen Job in den Medien ist leider nur ein Mythos, eine Erfindung von Hochglanzmagazinen. Dies hat in den letzten Jahren deutlich mehr ausgebildete Techniker auf den Markt gebracht als jemals benötigt werden. Zudem erreicht der Stellenwert der Branche lang nicht die Reputation alteingesessener Berufe und Kunden nutzen die aktuelle Situation durch gegenseitiges Ausspielen von Auftragnehmern gezielt aus. Wie gesagt, behaupte nicht wir hätten Dich nicht gewarnt …